Sylvio Böhm war Zeuge der Explosion, er holte zwei Kinder aus dem Unglückshaus. Foto: Jens König
Als vor seinen Augen nach einer Explosion im Dachstuhl des Hauses in der Reichartstraße 30 Flammen loderten und er Schreie von Kindern vernahm, handelte Sylvio Böhm beherzt. Er rannte hinein und wurde zum Lebensretter.
Erfurt. 21. Juni es war einer seiner dienstfreien Montage. In einem Gartenmarkt hatte Sylvio Böhm Pflanzen gekauft, fuhr nach Hause, lud sein Auto aus. "Ich hörte einen dumpfen Ton, wie von einer Druckwelle. In diesem Moment wurden das Mauerwerk des Obergeschosses am Haus gegenüber und die Gauben ein Stück herausgedrückt und stürzten senkrecht in die Tiefe", schildert der 42-Jährige. Balken flogen durch die Luft. Der Baum davor fing einiges ab, ein Ast brach weg, zerstörte die Frontscheiben zweier Autos. Unmittelbar vor der Explosion hatte Böhm einen Vater beobachtet, der auf dem Gehweg kurz vor dem Unglückshaus stand und seinen kleinen Sohn aufforderte, doch nicht so zu trödeln. "Dass der Junge am Zaun des Nachbarhauses neugierig rüttelte, schützte die Beiden vermutlich vor einer lebenbedrohlichen Situation. Denn sonst wären sie genau in Höhe der abstürzenden Fassadenteile gelaufen", sagt Böhm. Vier, fünf Sekunden nach dem Knall schlugen Flammen aus dem Obergeschoss, die sich extrem schnell verbreiteten. Anwohner alarmierten die Feuerwehr. Als Böhm Kinder schreien hörte, lief er in das Unglückshaus, die Eingangstür ließ sich öffnen. Der Mann auf dem Gehweg, den er noch vor wenigen Minuten beobachtet hatte, half ebenfalls. Er drückte die Tür hinter ihm zu, verhinderte so, dass mehr Luft den Flammen Nahrung geben konnte. "Ich war wie in Trance, mein Gehirn wie ausgeschaltet, ich rannte nur die Treppen hoch. Ich wusste nicht, was mich erwartet." In der zweiten Etage öffnete eine Mieterin ihre Wohnungtür. Sie lief mit Böhm nach oben. "Zwei Mädchen saßen weinend auf der Treppe, sie schrien nach ihren Eltern. Wir schnappten jeder ein Kind, liefen nach unten, es war unwahrscheinlich heiß im Treppenhaus", schildert Böhm. Im Vorbeirennen klopfte er an Wohnungstüren, "ich wollte sicher sein, dass alle im Haus das Feuer bemerkt hatten und sich retten konnten." Erst durch Böhm alarmiert lief ein Büromitarbeiter aus der ersten Etage ins Treppenhaus und dann ins Freie. Er hatte den dumpfen Knall zwar gehört, aber gedacht, zwei Lkw wären auf der Straße zusammengestoßen. Als Sylvio Böhm mit den Kinder das Haus verließ, war die Feuerwehr schon da, begann zu löschen. Kurz darauf schafften es die durch die Explosion schwer verletzten Eltern der Kinder aus eigener Kraft, sich ins Freie zu retten. Medizinische Hilfe war sofort da.
Böhm wurde für eine Zeugenaussage in ein Polizeiauto gebeten. "Plötzlich kam Unruhe auf, es hieß, die beiden Kinder sind weg, vielleicht wieder ins Haus gerannt, weil sie dort noch ihre Eltern vermuteten." Doch Familien zwei Häuser weiter hatten sich ihrer angenommen, ihnen zu trinken gegeben, versucht, sie zu beruhigen. Sylvio Böhm ging in seine Wohnung, wollte sich vom Trubel des Rettungseinsatzes zurückziehen. "Ich hab mich auf die Couch gelegt und geweint und dann meine Mutter angerufen." Lang hielt es ihn nicht in der Wohnung: "Ich lief wieder raus, wollte sehen, wie weit die Löscharbeiten waren. Abends war ich gefasst." Am nächsten Tag, als Filialleiter Sylvio Böhm wieder im Jeans-Geschäft am Anger stand, merkte er, er konnte nicht arbeiten: "Ich hörte die Schreie der Kinder, sah die Flammen. Ich habe zwei Tage gebraucht, um die Bilder zu verarbeiten." Später weiß der 42-Jährige, auch er stand unter Schock. Als er nach Tagen den Mann traf, der mit ihm beherzt Hilfe leistete, hat Sylvio Böhm Tränen in den Augen.
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